Frühling süßsauer

picture by Nieves Barreto

Es ist 23:30 Uhr und ich staple Umsatzzahlen von rechts nach links, räume PowerPoint-Folien auf, rechne Kosten nach, passe Grafiken an: ein ganz normaler Abend. Mein Magen knurrt, ich frage mich, ob ich heute noch etwas zu essen kriege. Wahrscheinlich wird es wieder der Asia-Snack in der Berliner Straße, der hat am längsten geöffnet. Meine Arbeitstage sind lang und voll, mein Kühlschrank kalt und leer. Ich ziehe meinen Schal enger um den Hals, die Klimaanlage surrt ihre Standardraumtemperatur, mir ist das zu frostig, vor allem nachts.
23:32 Uhr, eine Palindromuhrzeit. Jippie! Leider ist keiner mehr da, mit dem ich meine Freude darüber teilen könnte. Würde sowieso keiner verstehen, außer Nils aus dem Controlling, wir teilen den gleichen Humor. Er schickt mir oft schräge Mathematikerwitze, über die wir via Smileys im Office-Chat grinsen. Aber auch Nils ist schon offline. Ich bin die Letzte im Büro, wie so oft. Und das nicht, weil ich langsam bin, sondern, paradoxerweise, weil ich schnell bin. Effizient. Leistungsstark. Ich gebe immer zweihundert Prozent. Also bekomme ich auch Arbeit für zwei. Mein Chef vertraut mir, ich kriege die wichtigsten Projekte, das macht mich stolz. Ich liebe es, smarte Lösungen für unlösbare Probleme zu finden, vorne mitzuschwimmen, jeden Tag eine Herausforderung zu meistern: Schneller, höher, weiter. Aber jetzt gerade bin ich nur müde. Leider ist morgen Vorstandsmeeting, da muss jede Zahl am richtigen Platz sitzen. Ich drücke also meine Schultern durch, die ganz rund sind von den vielen Schreibtischstunden und haue in die Tasten.

00:52 Uhr, als ich aus dem Gebäude trete umfängt mich eine laue Nacht. Der Springbrunnen vor dem Haupteingang plätschert munter, Sterne funkeln, ein einsamer Vogel singt. Es duftet nach zarten Blüten und frischer Erde. Der Frühling ist da! Wann ist das denn passiert? Ich bleibe wie angewurzelt stehen und blinzele in das Frühlingserwachen. War nicht gerade noch Weihnachten? Natürlich weiß ich, dass heute der dreizehnte März ist: Mein erster Blick nach dem Aufwachen geht auf den Terminkalender, wie auch der letzte vor dem Einschlafen. Doch da stehen nur Meetings. Meine Zeitrechnung richtet sich nach Projektplan, Jahreszeiten kommen darin nicht vor. Ich atme tief ein, kann gar nicht genug bekommen von dem Frühlingsduft. Wie ist wohl der Tag gewesen? Hat die Sonne geschienen oder gab es Regen? Keine Ahnung. Ich blicke auf den Gehweg zu meinen Füßen, suche im gelben Laternenlicht nach einem Anhaltspunkt. Als könne mir das Wissen um das Wetter den verlorenen Tag zurückbringen. Ein mulmiges Gefühl packt meinen Magen. Und es ist nicht der Hunger. Trotzdem mache ich mich auf den Weg zum Asia-Snack, bevor Mailin zumacht und ich außer dieses komischen Grummelns nichts mehr in den Bauch bekomme.

Mailin ist ein Schatz, sie wirft extra für mich noch mal die Fritteuse an und bereitet mir mein Lieblingsgericht: Frühlingsrollen. Dann setzt sie sich zu mir und trinkt einen Tee, während ich gegen die heiße Teigtasche puste und über den Frühling nachsinne. Es ist meine Lieblingsjahreszeit: blühende Bäume, zartes Grün, nicht zu warm, nicht zu kalt. Perfekt für Picknicks und Spaziergänge. Nur, wann habe ich dies das letzte Mal gemacht? Das vergangene Jahr ist vorbeigerauscht, genau wie das davor. Ich war mehr drinnen als draußen, kenne die branchenspezifische Wachstumserwartung der nächsten fünf Jahre – „und habe keine Ahnung, ob die Osterglocken im Park schon blühen“, grüble ich in meine Frühlingsrolle.
„Tun sie“, klärt Mailin mich auf.
Auch das noch! Insgeheim hatte ich gehofft, diese laue Nacht wäre ein Versehen. Dass der Frühling nicht ohne mich angefangen hätte. Wie konnte mir das nur entgehen? Ich bin doch gut informiert, kenne den aktuellen Börsenkurs und sogar die US-News. Nun, Osterglocken gehören halt nicht zum Tagesgeschäft.
„Sollten sie aber!“, sagt eine Stimme in mir drin. Als ich noch ein Kind war, habe ich ab Februar jeden Tag darauf gewartet, dass die gelben Blüten sich entfalten. Denn das hieß, dass Ostern vor der Tür steht: mit Eiertrudeln, Omas Hefezopf und süßen Schokohasen. Dann kam immer die ganze Familie zusammen: zu einem lauten, lustigen Frühstück, das bis in den Nachmittag reichte. Die letzten Jahre bin ich nicht dabei gewesen. Hatte zu viel zu tun. Ich schlucke, der Bissen sitzt fest. Verpasse ich nicht nur den Frühling, sondern viel mehr als das?
„Frühlingsanfang ist doch erst in einer Woche“, unternehme ich einen letzten Versuch, die Dinge zu wenden. Mich selbst und meine Welt wieder auf Kurs zu bringen.
„Sagt wer?“, hält Mailin dagegen.
„Mein Kalender.“
„Ach, und der bestimmt, wie das Leben läuft?“
Meines schon, denke ich. Und das macht mir zum ersten Mal irgendwie Angst. Normalerweise geben mir To-Do-Listen und Termine Struktur und Sicherheit. Sie zeigen mir den Weg, den ich langlaufen soll, und die Aufgaben, die ich lösen muss. Gerade fühlen sie sich jedoch wie ein Käfig an, der mich vor meinem eigenen Leben wegsperrt.
Ich tunke meine zweite Frühlingsrolle in die süßsaure Soße und überlege, wann ich zuletzt etwas mit Freunden unternommen habe. – – – Leere.
„Meine besten Freunde sind Excel und PowerPoint“, stelle ich entsetzt fest und sacke unter der Last dieser Erkenntnis zusammen.
„Sind sie nett?“, zwinkert Mailin mir zu.
„Zuverlässig“, grinse ich gequält zurück.
„Immerhin“, gähnt Mailin und macht sich auf, den Imbiss zu schließen. Ich danke ihr: für die Frühlingsrollen und den netten Abend. Die goldene Katze auf dem Tresen winkt mir zum Abschied. Ich winke zurück, Mailin lacht darüber und ich fühle mich ein wenig leichter. Doch tief in mir drin arbeitet ein komplizierter Algorithmus weiter. Und die Frage, die er zu lösen angetreten ist, lautet: Bin ich glücklich?

Am nächsten Morgen erinnert mich mein Handy, dass Julia aus dem Marketing heute Geburtstag hat. Ich gratuliere ihr via Messenger und wünsche ihr einen sonnigen Tag. Sie hat gute Chancen darauf, nur 10% Regenwahrscheinlichkeit, das habe ich in der Wetterapp gecheckt. Seltsamerweise macht mich das traurig. Weil ich weiß, dass ich nichts davon mitbekommen werde. Ich bin durchgetaktet bis 18:00 Uhr.
Langsamer als sonst gehe ich den gewohnten Weg: die Straße runter, Zwischenstopp beim Bäcker, danach weiter zur U-Bahn. Normalerweise schaue ich dabei auf’s Handy, heute blicke ich zurück. Was habe ich in den vergangenen Jahren erlebt? Und wieviel wohl verpasst? Studium in Rekordgeschwindigkeit, schicke Geschäftsessen, gutes Gehalt, meine Karriereleiter ist steil, ich nehme Stufe um Stufe mit sicherem Schritt. Aber ich war schon jahrelang nicht mehr joggen, an der Bar versacke ich höchstens mal mit Kolleginnen und in meiner hellen, großen Altbauwohnung bin ich nur zum Schlafen.

Als ich am Bäcker ankomme, brauche ich einen Augenblick um mich zu sortieren, ich bin voll neben der Spur, und bereits fünf Minuten zu spät.
„Wie immer?“, begrüßt mich die Bäckerin. Sie scheint mich und mein allmorgendliches Dinkelbrötchen zu kennen, mir ist noch nie aufgefallen, dass sie blond ist und ein Piercing trägt. Ich will schon nicken, da entscheide ich mich kurzerhand um: „Ein Möhrenmuffin, bitte.“ Mein Lächeln ist wacklig, meinen Wangen verlegenheitsrot, ich kann mich nicht erinnern, ihr je einen schönen Tag gewünscht zu haben. Heute mache ich es und bekomme ein breites Grinsen zu meinem Kuchen geschenkt. Kaum draußen, beiße ich sofort hinein: Gegen die bange Leere in meinem Bauch. Ich schließe die Augen, spüre die Morgenfrische auf meinen Wangen, die Marzipanmöhre schmilzt auf der Zunge, das merkwürdige Trudeln in meinem Kopf lässt ein wenig nach. Vielleicht brauche ich nur etwas frische Luft, eine kleine Pause, gleich jetzt. Ich beschließe, nicht wie sonst in der U-Bahn zu frühstücken, nebenbei, während ich die ersten E-Mails beantworte, sondern hier. Auf einer Bank, auf der ich noch nie gesessen habe. Gegenüber steht ein Bücherschrank. Ist der neu? Bestimmt nicht. Ein Mann steuert darauf zu: dunkler Wollmantel, schick, kein aktuelles Modell, vielleicht sogar secondhand, dazu ein roter Schal, Jeans und blonde Locken. Gefällt mir. Jetzt nimmt er ein Buch heraus, dreht es, liest den Klappentext, stellt es zurück, nimmt ein anderes: Das soll es sein. Er klemmt es unter den Arm und eilt davon. Ich wüsste gern, welches Buch gewählt hat: Lyrik, Thriller oder Ostfrieslandkrimi? Unwillkürlich überlege ich, was ich mir aussuchen würde. Ich habe schon ewig keinen Roman mehr gelesen. Die Lektüre stündlich aktualisierter Meldungen zu Politik und Wirtschaft bergen Nervenkitzel und Herzschmerz genug. Trotzdem, für einen Wimpernschlag lang tue ich mir leid.
Ich sehe dem Mann nach, der gerade im U-Bahn-Schacht verschwindet. An jedem anderen Tag hätte ich auch den Sieben-Uhr-Zug genommen. Vielleicht hätte ich sogar neben ihm gesessen – und es nicht mal bemerkt, vertieft in Mails und Newsletter. Heute wünschte ich, er hätte sich zu mir auf die Bank gesetzt und wir würden über Bücher plaudern. Wie lange hatte ich eigentlich kein Date mehr? Ich gehe dem Gedanken nicht weiter nach, denn plötzlich ist es wieder da, dieses klamme Gefühl im Magen. Rasch beiße ich in den Muffin, aber die Süße kann den fahlen Geschmack auf meiner Zunge nicht übertünchen. Habe ich überhaupt noch ein Leben außerhalb der Firma?
Ein Spätzchen kommt angeflattert und hopst um meine Beine. Es sucht nach Krümeln. „Hallo, süßer Pieps“, begrüße ich ihn und zupfe ein Stückchen von meinem Muffin ab. Mein kleiner Spatzenfreund schnappt sich den Leckerbissen und tschilpt keck. Ich vermute, das heißt: „Danke sehr, bitte mehr davon“. Mir wird ganz warm ums Herz, ich möchte ihm am liebsten noch ein wenig beim Krümelfrühstück zusehen. Aber mein Handy mahnt mich, ich muss mich beeilen, das erste Meeting beginnt in einer halben Stunde. Mails rasseln in mein Postfach, das Summen und Klingeln verscheucht das Spätzchen. Schade.

Es ist kaum richtig hell, als ich in der Firma ankomme. Ich blicke in den Himmel, heute werde ich genau darauf achten, wie das Wetter wird. Die App sagt mir, dass ab 11:00 Uhr die Sonne rauskommt. Da sitze ich im Vorstandsmeeting. Irgendwas ziept plötzlich heftig in meinem Herzen. Ist das ein Infarkt? Nein, ich kenne das Gefühl. Es ist Enttäuschung. Weil man nicht dabei sein kann. Das habe ich das letzte Mal gespürt, als ich nicht mit meinen Freunden ins Freibad durfte, weil ich Fieber hatte.
Vor meinem inneren Auge dreht sich die Uhr verpasster Sonnenstunden. Schneller und schneller. Aus dem Herzstechen wird ein Rasen. Langsam gehe ich die Treppe zum Haupteingang hoch und fädle mich in die Drehtür. 7:50 Uhr, ich bin spät dran. Aber noch ist es nicht zu spät! Die Drehtür ist halb rum, jetzt müsste ich reingehen. Doch ich kann nicht, laufe weiter und weiter, immer im Kreis, ein paar Kolleginnen steigen zu, grüßen, ich lächle zurück und drehe noch eine Runde. Dann springe ich ab, hüpfe raus aus dem Karussell und hinein in den anbrechenden Frühlingstag. Auf dem Weg die Stufen runter begegne ich meinem Chef.
„Was vergessen?“, fragt er und runzelt dabei die Stirn. Seit ich hier arbeite, habe ich nie irgendwas vergessen: keinen Termin, keinen Rückruf, keine Mail. Nur eines: „Zu leben“, rufe ich ihm zu. Und dann renne ich los, ohne zurückzusehen. In den Park, Osterglocken gucken. Und vielleicht lade ich Nils später auf ein Picknick ein, mit köstlichen, knusprigen Frühlingsrollen.

Veröffentlicht von abfabisch

Autorin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: