Meine Pizza auf Instagram

picture by Nieves Barreto

Sonntagabend, ich gucke gerade Tatort, da meldet sich mein Handy: Es ist Nina. Mit der habe ich Abi gemacht. Nina ist so hübsch wie früher, macht tolle Urlaube, kann super backen, hat einen attraktiven Mann und drei süße Kinder. Das weiß ich von ihrem Messenger-Profil. Mit ihr geredet habe ich seit Jahren nicht, nicht mal am Telefon, hatte irgendwie nie die Zeit dafür – oder habe sie mir nicht genommen.
„Hallo Miri“, schreibt Nina mit Winkesmiley. „Geht’s dir gut? Ich habe sooo lange nichts von dir gehört. Gestern war im Greens Jahrgangstreffen. Lucie, Jenny und Sarah waren auch da. Das war sooo lustig. Schade, dass du nicht dabei warst. Du bist nicht auf facebook, oder? (trauriges Smiley) Habe ich zu spät gecheckt. Beim nächsten Mal sage ich dir Bescheid, ja? Schick doch mal ein Foto! Ich weiß gar nicht mehr, wie du aussiehst.“ Ich gucke an mir runter, schnipse einen Chipsbrösel von meinem T-Shirt und denke: Das willst du auch besser nicht wissen. Aber gestern, da wäre ich schon gern dabei gewesen. Wieso habe ich das nicht mitbekommen? Nun, ich lebe in einer anderen Stadt, habe andere Lokalnachrichten und Plakatwände. Doch das kann nicht Grund sein, das ist mir klar. Es fehlt der Kontakt zu meinen ehemaligen Klassenkameraden. Überhaupt kommen Freunde oft zu kurz. Tags bin ich mit Arbeit, Kind, Kaninchen, Hund und Haus voll beschäftigt, abends bin ich platt. Wann soll ich da noch telefonieren? Oder mich gar verabreden? Geht ja allen irgendwie so. Vielleicht aber auch nicht. Was, wenn die anderen viel mehr miteinander quatschen, lachen, Spaß haben? Und nur ich bekomme nichts davon mit, weil das an mir vorbei auf facebook passiert! Werde ich vergessen, weil es im Internet kein Foto von mir gibt?
Ich bin nicht so dicke mit der digitalen Kommunikation: mich in beengten Sprechblasen andauernd zu vertippen, finde ich anstrengend. Es frustriert mich, für die Hälfte dessen, was ich sagen will, die doppelte Zeit zu brauchen und dabei auch noch Missverständnisse einzuprogrammieren. Und fotografieren find ich auch so lala. Nicht die besten Voraussetzungen für Social Media.
Trotz meiner Kurznachrichten-Abneigung unterbreche ich mein gemütliches Abendprogramm und schreibe Nina eine Antwort: „Voll schön, von dir zu hören!“ Mit drei Herzchen, weil ich mich wirklich total über ihre Sprechblase freue. Dann berichte ich über dies und das, und werde dabei immer genervter, weil die dumme Sprachintelligenz mir die Worte im Mund verdreht. Dennoch kämpfe ich mich tapfer durch drei Absätze, korrigiere sogar Rechtschreibfehler, füge ein Küsschensmiley hinzu und wünsche mir die Zeit zurück, in der man echte Briefe geschrieben hat. Die hatten noch Format: A4 oder wenigstens A5. Zu guter Letzt probiere ich sogar ein Selfie, sehe dabei aber aus wie ein Seeelefant in der Mauser, deshalb schicke ich kein Foto. Nina schreibt nicht zurück. Irgendwie macht mich das traurig.
Montagnachmittag, ich war einkaufen: Tiefkühlpizza im Angebot. Ich habe gleich einen ganzen Stapel mitgenommen, für wenn-es-mal-schnell-gehen-muss. Und das muss es oft. Während ich den Tiefkühlpizzaturm in den Vorratsraum balanciere, fällt mir etwas ins Auge: eine bunte Kamera, auf dem Pizzakarton. Ich brauche einen Augenblick, um zu verstehen: Die TK-Pizza ist auf Instagram! Und ich habe nicht mal ein Profilbild bei meinem Messenger. Das trifft mich so hart, dass ich mich erst mal setzen muss. Wieder komme ich ins Grübeln, so, wie gestern Abend bei Ninas Nachricht. Machen denn alle Social Media, nur ich nicht? Bei Whatsapp bin ich. Wegen der Kitagruppe. Mein Adressbuch sagt mir, dass viele meiner Kontakte da sind. Ab und zu kommt ein lustiges Video rein. Das war’s. Und das ist auch vollkommen fein. Denn chatten tun wir auf der Straße, zwischendurch, wenn man sich zufällig beim Bäcker trifft oder gemeinsam einen Kaffee auf der Spielplatzbank trinkt. Doch gerade jetzt, mit der medienkompetenten Pizza auf dem Arm, spüre ich, dass da etwas in mir nagt. Ich denke an Nina und dass ich gern wieder enger mit ihr wäre. Und was ist mit Caro, meiner Studienfreundin oder Tami, mit der ich meine ersten Joberfahrungen gemacht habe? Von denen habe ich schon Ewigkeiten nichts mehr gehört. Bestimmt sind sie bei Xing und LinkedIn, da sind auch viele meiner Kolleginnen. Ich dachte immer: das brauche ich nicht. Schließlich kann man sich in der Kantine verabreden, telefonieren oder Mails schreiben. Könnte man, ja, aber macht man es auch? Vor allem, wenn man sich im Alltag nicht sieht. Fernfreundschaften gehen da schnell unter. Vielleicht ist ein Online-Sozialnetz doch nicht schlecht. Und ich habe keins! Mir wird ganz flau.
Ich beschließe, dem auf den Grund zu gehen. Aber nicht mit leerem Magen. Also schiebe ich eine Quattro Formaggi in den Ofen und klappe meinen Laptop auf. Leider ist mein Internetbrowser so alt, dass er nicht mal Wikipedia öffnen kann. Aktualisieren will er sich auch nicht mehr, so kurz vor der Rente. Alter Sturkopf. Ich bekomme Panik: Bin ich längst auf dem Abstellgleis? Um mich zu beruhigen, esse ich ein Stück Pizza und lese nebenbei, dass Menschen, die online sichtbar sind, für kompetenter gehalten werden. Das muss ich erst mal verdauen. Wenn ich so weiter mache, streicht meine TK-Pizza die nächste Gehaltserhöhung ein. Und meine Schreibtischgummibärchen wollen nicht mit mir befreundet sein. Das darf ich nicht zulassen, ich nicht von der Bildfläche verschwinden! Außerdem interessiert es mich, wo meine Pizza Urlaub macht. Ich schiebe den Teller beiseite, kremple die Ärmel hoch und klicke mich durch: Twitter, Facebook, LinkedIn. Ich akzeptiere so viele Cookies, bis ich pappesatt bin, dann habe ich mich entschieden: Ich starte meine Social-Media-Karriere auf Instagram. Gefällt mir, das Format. Da muss man nur Fotos knipsen, der Aufwand scheint überschaubar. Und ich kenne schon jemanden: meine Pizza! Rasch gebe ich E-Mail und Telefonnummer ein, easy. Jetzt kommt der Benutzername. Ich probiere Schnuffel, Knuffel, Mäuschen85, am Ende sogar Darth Vader. Alle vergeben. Sogar Aschenputtel hat einen Account. Geschlagen gebe ich meinen Klarnamen ein. Und stelle entsetzt fest: Mich gibt es bereits. Mit Punkt, Unterstrich, groß- und kleingeschrieben. So viele Doppelgänger, das ist fast ein bisschen unheimlich. Trotzig nenne ich mich Miriam_die_X und fühle mich dabei ein wenig royal. War doch gar nicht so schwer. Zufrieden gönne ich mir eine Limo und überlege beim Eingießen, ob ich die gleich mal posten soll. Sieht nämlich köstlich aus: erfrischend orangig, zum neidisch Werden. Während ich das Foto schieße, frage ich mich, wen wohl meine Limo interessieren mag. Nina vielleicht? Schließlich weiß sie nicht, was ich an einem gewöhnlichen Montag gegen siebzehn Uhr trinke. Die Limo auf dem Bild sieht gut aus, ich bekomme sofort Durst. Doch bevor ich sie trinken kann, stürmt meine Tochter herein und schnappt sie mir vor der Nase weg. Jetzt muss die Bildunterschrift wohl lauten: „das wäre meine Limo gewesen“. Egal, es hätte sowieso niemand gewusst, welche der zig Miris die Limotrinkerin ist, denn ich habe ja kein Profilfoto. Ich schenke mir nach (lecker!) und mache ein Selfie. Wieder grinst mich der Seeelefant an. Happy sieht er aus. Aber nicht wirklich online-fein. Ich fürchte, da hilft auch kein Filtern, das Original muss restauriert werden. Entschlossen entstaube ich mein Schminkkästchen, ignoriere das Badchaos und mache mich daran, mein Gesicht aufzuräumen.
„Kann ich mich auch anmalen?“, fragt meine Tochter. Sie hat den ganzen Nachmittag Matschbrühe gekocht und sieht auch so aus. Vielleicht sollte ich mir auch statt Makeup Modder ins Gesicht schmieren. Das bringt bestimmt viele Likes und macht ganz nebenbei eine schöne Haut. Aber nein, ich will ja fresh und modern wirken. Ich hole für Emmi die Kinderschminke raus und für mich wasserfeste Wimperntusche. Emmi legt sofort los und pinselt sich rote Kreise auf die Wangen. Wenn das bei mir nur auch so einfach wäre. Ungeduldig zupfe ich schwarze Klümpchen, die aussehen wie die Hinterlassenschaft irgendeines Insektes, von meinen Wimpern. Der Maskara ist eingetrocknet, der Puder rissig, man merkt: ich bin weder auf Partner- (Gott sei Dank, nicht auch noch Onlinedating) noch auf Jobsuche (die würden bestimmt meine Pizza einstellen).
„Soll ich dich schminken?“, bietet Emmi an. Ich lehne höflich ab, heute will ich kein Clown sein. Leider weiß meine Handykamera das nicht. Zuerst macht sie wieder ein Seeelefantenfoto. Meine Nase ist gigantisch, mein Kinn klein mit Doppelfalten. Krasse Kombination. Hätte nicht gedacht, dass das überhaupt geht. Als nächstes sehe ich aus wie ein Hase, der sich selbst parodiert. Ich habe eindeutig zu viel Profil für ein Profilfoto. Ich lasse das mit dem Grinsen und kümmere mich als nächstes um meinen Zombiblick. Die Augenringe sehen echt gruselig aus, als wäre ich Drakula mit Schlafstörungen. Alles eine Frage des Lichtes, lese ich auf einem Foto-Blog. Also rücke ich Lampen, stelle mich vor’s Fenster und spaßenshalber hinter einen Vorhang: Das findet Emmi lustig, ich auch, wir lachen uns schlapp. Jetzt habe ich wenigstens eine gesunde Hautfarbe. Aber die Schatten unter den Augen bleiben. Was nun? Einen verrückten Augenblick lang erwäge ich die Möglichkeit, auf das Makeup-Angebot meiner Tochter zurückzukommen, entscheide mich dann aber für eine Zwischenlösung: Ich fotografiere einen Gegenstand. Meine Kaffeetasse ist öde, die Tulpen schlapp, aber Emmis Pastik-Dino, der hat was. Zufrieden betrachte ich den Alamosaurus und stelle mir vor, wie ich mit so einem langen Hals aussehen würde. Der würde bestimmt ganz großartig zu meiner Rüsselnase und dem Faltenkinn passen. Ich bekomme einen irrwitzigen und unglaublich befreienden Lachanfall. Noch schlimmer wird es, als meine Tochter mir sehr bestimmt mitteilt, dass der Dino nicht Miriam_die_X heißen will. Natürlich respektiere ich die Wünsche des Dinos und meiner Tochter und lade kurzerhand eine Zitrone aus dem Gemüsefach hoch. Hoffe, dass das okay für sie ist. Beschwert hat sie sich jedenfalls nicht. Und frisch sieht sie auch aus. Deutlich frischer als ich.
Fakt ist, wenn ich mich nicht in Clown_Miri oder Zitrus_Miri umbenennen will, muss ich mich besser in Szene setzen. Kein Problem, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen (auch wenn ich so aussehe), ich lerne einfach von den Besten. Die ganze Nacht hindurch studiere ich die Top-Influencer und mache mir eine Erfolgsliste: 1. Oversize-Schick (overknee & belly free sind nicht so mein Ding), 2. Urlaubsstrandbeine und 3. leckeres Essen! Am nächsten Tag mopse ich mir also ein Herrenhemd von meinem Mann. Lässig & leger will ich sein. Wichtig ist nun, die Übergröße auch auf das Foto zu kriegen – was gar nicht so leicht ist. Ich knipse von links oben, rechts unten, vor, zurück, zur Seite, ran: Bis mein Handyspeicher voll und mein Arm lahm ist. Endlich habe ich es geschafft. Leider steht im Hintergrund der Mülleimer, mit offener Klappe, als wolle er mich in den Po beißen. Wer gemein ist, könnte behaupten, ich sähe aus, als wolle ich putzen. Mit Sonnenbrille und Schmollmund. Toll. Vielleicht wird das Strandfoto besser. Nun habe ich erst in sechs Wochen wieder Urlaub, es ist April und das Wetter zum Abgewöhnen: fünf Grad, Hagelschauer und Windböen. Aber ich bin wild entschlossen. Ich schlüpfe in mein Bikinihöschen und stapfe in Badelatschen zum Sandkasten. Der Nachbar guckt verwirrt über den Gartenzaun, fragt aber glücklicherweise nicht nach. Das tut dann meine Tochter, extra laut, aus dem Fenster im Obergeschoss: „Was machst du da?“ „Ein Experiment“, rufe ich zurück und habe nun die Aufmerksamkeit der gesamten Nachbarschaft sowie etwaiger Passanten. „Ich will mitmachen!“, brüllt Emmi von oben. Jetzt muss ich schnell sein, bevor ich von Sandtörtchen und Hexenpampe in Plastikeimern umzingelt bin. Ich setze ich mich auf den Rand und räume Schippe und Förmchen beiseite. Dann schiebe ich meine Füße in den nassen, kalten Sand. Brr. Bevor meine Zehen blaufrieren knipse ich: Urlaubsbeine im Sandstrand. Drinnen am Bildschirm sehen sie leider aus wie die einer federlosen Weihnachtsgans. Ich seufze und ziehe eine Zwischenbilanz: Bis gestern fand ich mich, meine Nase und Beine okay. Heute fühle ich mich wie ein Seeelefant mit Gänsebeinen, online erscheine ich als adelige Zitrone mit Putzfimmel. Ich bin mir nicht sicher, ob mir meine digitale Revolution beruflich oder privat eher nutzt oder schadet. Frustriert schiebe ich eine TK-Pizza in den Ofen. Meine Tochter jubelt, meine Mann gibt mir einen Kuss: „Du bist die Beste!“ Hach, das sind meine wahren Follower – oder doch die der TK-Pizza? Wie auch immer: Ich schieße ein Foto von der Spinaci speciale, der ich zur Belustigung meiner Tochter zwei Tomatenaugen und einen Möhrenbart verpasst habe, und vernetze und verhashtage mich mit ihr. Vielleicht folgt meine Pizza mir sogar irgendwann. Und nachher werde ich Nina anrufen. Sie freut sich schon, das hat sie mir auf meine Mini-Nachricht mit Telefon-Icon und Freundinnen-Smiley geantwortet. Ich freue mich auch. Dann können wir ausgiebig quatschen, ohne enge Sprechblasen. Und vielleicht verabreden wir uns mal auf eine Pizza, mit Rotwein und lustigen Freundschaftsselfies. Das wird spaßig. Meine TK-Pizza wird Augen machen!

Veröffentlicht von abfabisch

Autorin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: