Espresso für zwei

picture by Nieves Barreto

Ich bin schon eine ganze Weile auf der Suche: nach dem perfekten Kaffee. Den habe ich nach langem Ausprobieren endlich gefunden. Jetzt fehlt nur noch der passende Mann, mit dem ich ihn trinken kann. Das wird nicht leicht. Denn ich bin eine komplex-emotionale Kaffeetrinkerin. Das heißt, ich brauche je nach Stimmung eine andere Zubereitung. An einem gewöhnlichen Tag ohne besondere Vorkommnisse und zu einer beliebigen Uhrzeit sollte er schwarz und heiß sein. Keine Milch. Außer ich bin traurig, dann brauche ich die tröstende Milde von Reismilch. Eine Kuh kann das nicht. Espresso mit Zucker nur in einer lauen Sommernacht, am besten auf der Terrasse meines Lieblingsitalieners. Und Frappé trinke ich immer beim Shoppen mit meiner Schwester, sonst nie. Ich weiß, ich bin in dieser Hinsicht etwas speziell, fast freakig. Das war nicht immer so. Zwar trinke ich Kaffee seit ich denken kann. Habe ihn quasi mit der Muttermilch eingesogen. Meine Mutter war Ärztin im Schichtdienst und dauermüde. Ich selbst arbeite bei einer Versicherung, da gibt es andere Gründe, Kaffee zu trinken, um wach zu bleiben. Früher war ich allerdings eine unkritische Kaffeetrinkerin. Habe alles geschluckt ohne auf den Inhalt zu achten. So ähnlich habe ich es auch mit den Männern gehalten. Das hat sich böse gerächt: Ich wurde mies hintergangen, habe meinen Kummer abends in billigem Rotwein und morgens mit literweise Kaffee ertränkt – was mir ein schlimmes Magengeschwür und die Erkenntnis eingebracht hat, dass es so nicht weitergehen kann. Das ist vor einem Jahr gewesen. Nun setze ich auf Qualität. Ich möchte den Perfect Match: beim Kaffee und dem, der ihn in meinem Bett trinkt. Dazu musste ich erst mal herausfinden, was ich mag: den Geschmack vulkanischer Böden, Röstgrad aus der Hölle oder süßes Schaumkrönchen? Arabica oder Robusta, lieber Handfilter oder doch Frenchpress, auf jeden Fall fairtrade und bio, sogar Monsun-Kaffee aus Indien habe ich probiert. Nur Katzenkackakaffee habe ich mir verkniffen. Monatelang habe ich gebrüht, gekostet, genossen und manchmal auch in den Ausguss gekippt. Dabei habe ich viel gelernt: über Anbaugebiete, Mahlgrad, Ziehzeit – und über mich selbst. Schließlich musste ich dauernd in mich reinhorchen: Kann ich den Milchschaum oder mich selbst nicht leiden? Schmeckt mir der Kaffee oder ganze Tag nicht? Und warum? Es war ein langer Weg. Aber jetzt weiß ich genau, was ich will: schlicht und edel soll er sein; stark mit einer sanften Seite. Und genau so stelle ich mir auch meinen Traummann vor. Dabei ist es mir egal, ob er blond oder glatzköpfig ist, Fußball spielt oder Ballett tanzt. Ich brauche keine schlauen Matching-Algorithmen, ich muss einfach nur einen Kaffee mit meinem potenziellen Partner trinken. Durch diesen Filter fallen gewiss einige durch.
Erste Testperson für meine Kaffeefiltermethode ist Ole. Ole aus der Buchhaltung. Er ist einen Kopf größer als ich, hat weizenblondes Haar, ozeanblaue Augen und ein schüchternes Lächeln. Wir quatschen des Öfteren auf dem Gang, meist Berufliches. Ich finde ihn attraktiv und sympathisch, also verabrede ich mich mit ihm zum Mittagessen. Ole nimmt die asiatische Reispfanne, ich den vegetarischen Auflauf. Wir reden über dies und das, die neue Imagekampagne, den geplanten Stellenabbau, seinen Hund Rudi (ein Labrador) und dass ich im Sommer ans Meer will. Die Sonne scheint golden durch die großen Kantinenfenster, Ole hat eine angenehm warme Stimme, ich stelle mir uns am Strand mit Rudi und einem Kaffee vor: es wird Zeit für den Test!
„Noch ein Kaffee?“, frage ich beiläufig.
Ole nickt: „Gern. Was möchtest du?“
„Ein Americano, bitte.“ Der ist hier tatsächlich nicht schlecht. Wenn man außerhalb Kaffee trinkt, muss man Kompromisse machen.
„Ich mach das schon“, gibt Ole den Kavalier.
Ich mag ihn, darum würde ich den Kaffee lieber selbst holen. Für uns beide. Um sicher zu gehen, dass er den Richtigen nimmt. Dass er der Richtige ist. Aber ich kann ihn nicht aufhalten, nicht, ohne mich lächerlich zu machen. Nervös rutsche ich auf meinem Stuhl herum, Ole geht zur Kaffee-Insel, ich halte die Luft an, kann kaum hinsehen, als er jetzt seine Bestellung entgegennimmt: einen Latte macchiato. Tief durchatmen, vielleicht war es ein Versehen, ausgelöst durch Urlaubsträumereien mit happy Sonnenschein, das kann schon mal passieren. Doch dann greift er zum Karamellsirup und ich bin raus. Mir kleben schon vom Hinsehen die Lippen zusammen und Milchschaumbärte finde ich leider nicht süß.
„Oh, schon so spät! Sorry, ich muss los“, entschuldige ich mich, als er zurückkommt, nehme ihm den Americano ab und weg bin ich. Dabei fühle mich total mies. Was tue ich hier eigentlich? Ist es nicht irre, Kaffeevorlieben als Basis für eine glückliche Beziehung zu sehen? Hatte ich in den vergangenen Wochen zu viel Koffein? Oder bin das einfach ich: kaffeeverrückt und ausgeflippt! Ich fürchte fast, so ist es. Die Frage ist nur: gibt es jemanden, der diese Kombination mag? Ich weiß es nicht. Nach einer durchgrübelten Nacht beschließe ich, es noch einmal mit meiner fragwürdigen Methode zu wagen. Das erscheint mir tausendmal besser, als auszugehen, im Bett zu landen und erst beim Morgenkaffee zu merken, dass man nicht zusammenpasst. Außerdem hat es den Vorteil, dass mein Date mich und meinen Kaffeeknall kennenlernt. Übrigens, mit Ole verstehe ich mich immer noch bestens. Aber Kaffee trinkt er jetzt lieber mit Sina aus dem Marketing: Latte macchiato, mit Schokoriegel dazu. Die beiden sind ein echt süßes Paar.
Zurück zu mir: Mein nächster Versuch ist Thilo vom Yoga. Thilo ist sehr gelenkig und schön muskulös. Er geht achtsam durchs Leben, das bemerke ich gleich. Auf unserem Spaziergang durch den Park sehe ich mehr Vögel, Blümchen und interessante Wurzeln als in den letzten zehn Jahren. Ich bin begeistert und frage mich, wie voller und bunter meine Welt wohl wird, mit Thilo an meiner Seite. Viel zu schnell ist unsere Runde vorbei, mein Herz klopft bis zum Hals als ich ihn frage: „Wollen wir einen Kaffee trinken?“ Ich drücke die Daumen bis sie wehtun und füge mutig hinzu: „Oder Tee?“
Thilo lächelt mich an: „Schöne Idee.“
Ich kann die Anspannung kaum mehr aushalten: was jetzt, „Tee oder Kaffee?“, hake ich nach.
„Lass uns in den kleinen Kessel gehen. Die haben ausgezeichneten Tee und auch Kaffee.“
Die Wortkombination „ausgezeichneter Tee“ versus „auch Kaffee“ lassen mich zusammenzucken. War ja klar: Thilo ist Teetrinker.
Ich trinke selten Tee. Eigentlich nie. Tee hat etwas Deprimierendes, finde ich. Den bietet man an, wenn jemand gestorben oder die Ehe futsch ist. Dann umklammert man die Teetasse und heult sich aus, rein in den Aufguss aus toten Pflanzen. Keine Ahnung, warum man dann keinen Kaffee trinkt. Vielleicht, um das angeknackste Herz zu schonen. Das hätte ich damals, als mein Verlobter mit meiner besten Freundin abgehauen ist, möglicherweise auch tun sollen. So ein Magengeschwür ist eine fiese Sache. Aber das ist alter Tee von gestern, jetzt brauche ich dringend einen Kaffee und Thilo ist sexy, also machen wir uns auf in den kleinen Kessel. Der Kaffee dort ist überraschend gut, er kommt in einer Chemex, die nicht nur entzückend aussieht, sondern auch richtig guten Kaffee macht. Ich nippe an dem dunkelbraunen Getränk und höre Thilo zu, wie er über Teesorten und deren Zubereitung philosophiert. Ob er vielleicht enttäuscht ist, dass ich eine Kaffeetrinkerin bin? Oder ist das gar eine positive Fügung? So Yin-Yang-mäßig: Tee-Thilo und Kaffee-Kim. Jeder brüht sein eigenes Tässchen, wir sitzen einvernehmlich beeinander und genießen das Leben. Es könnte schön sein. Wäre da nicht dieser intensive Minzteegeruch. Ich rücke unauffällig ein Stück zur Seite, ab da ist es richtig nett. Irgendwann sind unsere Tassen leer, wir zahlen und verabschieden uns. Ich wage mich vor und hauche Thilo einen Kuss auf die Lippen. Nur, um mal zu kosten, wie er schmeckt, so ein Teekuss. Ist aber leider nicht mein Ding, Biominze hin oder her. Auf dem Rückweg nach Hause fluche ich lautlos, finde mich anstrengend und megafreakig – und kann doch nicht über meinen Schatten springen.
Eine ganze Woche blase ich Trübsal in meinen perfekten Kaffee, dann hat meine Schwester Geburtstag: Und da ist gute Laune Pflicht. Tatsächlich schaffe ich es raus aus dem düsteren Kaffeesatz meines Weltschmerzes und lerne an der Salatschüssel Samuel kennen. Seine Wurzeln liegen da, wo der beste Kaffee wächst: in Mexiko. Er hat espressoschwarze Augen, milchkaffeebraune Haut und einen ausgezeichneten Musikgeschmack. Wir diskutieren über Pop und Rock, meine Wangen glühen, der Abend wird lang und länger, irgendwann macht meine Schwester die Rolläden runter und schmeißt uns raus. Die Nacht ist frostig, wir schlendern durch menschenleere Straßen, der Wein verfliegt im eisigen Wind und mit ihm die Wärme auf meinem Gesicht. Mir ist kalt, ich bin müde, noch eine Ecke, dann sind wir bei mir. Ich spiele mit dem Haustürschlüssel. Gleich sind wir da und die Frage liegt in der Luft: „Möchtest du noch auf einen Kaffee hochkommen?“ Doch kurz bevor ich sie ausspreche, wird mir klar, dass es mir dabei tatsächlich um den Kaffee gehen würde, ihm höchstwahrscheinlich nicht. Im letzten Moment entscheide ich mich um. Es ist 6:00 Uhr, die Bäckerei am Marienplatz hat schon geöffnet.
„Kaffee?“, frage ich.
„Gerne“, strahlt Samuel, runzelt jedoch gleich darauf die Stirn, als ich den Schlüssel zurück in meine Handtasche werfe und ihn mitschleife. Die Bäckerei ist niedlich, die Croissants himmlisch, der Kaffee Standard. Der Vollautomat ist noch nicht startklar, er muss sich erst waschen und putzen, gurgeln und unappetitliches Wasser auspullern. Dann ist er bereit für unsere Wünsche. Mir ist klar, dass er sie nicht vollends erfüllen kann, schließlich kenne ich sein Angebot. Aber der Café Crème ist okay. Wie immer beginnt mein Herz zu rasen, kurz bevor mein Date einen Kaffee bestellt. Diesmal dürfte aber nichts schiefgehen. Ich mustere Samuel von der Seite. Jede Wette, dass er einen Espresso bestellt: schwarz, pur, leidenschaftlich.
„Einen Milchkaffee bitte“, lächelt er milde.
Ich falle aus allen Wolken. Weichspülerkaffee. Da kann man auch gleich warme Milch trinken. Als Samuel dann auch noch das Kakaoherz der Bäckerin nimmt, geht gar nichts mehr. Ich stürze meinen Kaffee runter und muss dringend ins Bett. Allein. Doch der Kaffee hält ich wach. Und die Frage, ob ich mit meiner Kaffeefiltermethode auf dem Holzweg bin. Was, wenn ihn nicht finde, meinen idealen Kaffee-Partner? Oder schlimmer noch: ich begegne ihm und wir haben uns bei der perfekten Tasse Kaffee nichts zu sagen. Und was, wenn sein Kuss zwar schmeckt, aber sich nicht gut anfühlt? Oder wir uns bei der Frage, wer morgens Kaffee kochen soll, in die Wolle kriegen? Und wenn dann noch seine Turnschuhe schlimm stinken, oh Gott. Die Vorstellung macht mich fertig. Darauf brauche ich erst mal einen Trösterkaffee. Aber ich habe keine Reismilch mehr. Mit hängendem Grübelkopf schlappe ich zu meinem Bioladen, greife wie ferngesteuert in die Reismilchecke – und schrecke zurück. Da hat jemand zur gleichen Zeit den gleichen Tetrapack gegriffen.
„Sorry“, grinst der Jemand. Er hat hellbraune Mandelaugen.
„Kein Problem“, lächle ich müde zurück.
„Ich fürchte doch“, sagt er.
„?“, mache ich wortlos.
„Eine Milch, zwei Leute“, fasst er zusammen, was ich noch nicht gerafft habe.
„Oh“, ist das Einzige, was mir dazu einfällt. Ich brauche dringend einen Kaffee, und zwar einen mit Reismilch.
„Wie machen wir es?“, fragt mein Reismilchkonkurrent.
„Halbe, halbe?“, schlage ich vor. „Ich wohne um die Ecke und habe einen Messbecher.“ Er lacht. Das klingt ganz wohlig und ansteckend. Ich lache mit. „Münze werfen?“, mache ich einen zweiten Versuch.
„Härtefallregelung!“, hält er dagegen.
Ich grinse siegessicher: Diese Milch gehört so gut wie mir. „Ich muss ein paar schwere Sinnfragen mit einem guten Kaffee runterspülen, einem Trostkaffee – und der geht nur mit Reismilch.“
„Verstehe“, nickt er. „Da landen wir vermutlich bei einem Unendschieden. Ich komme gerade aus dem Nachtdienst, einem echt harten. Vor allem wegen des schlechten Kaffees. Ohne einen Einschlafkaffee mit Reismilch werde keine süßen Träume haben.“
Ich kaue auf der Unterlippe: Diese Milch zu bekommen wird schwieriger als gedacht.
„Los, wir machen die Mickimaus!“, schlägt er vor.
„?“, mache ich schon wieder.
„Zog sich mal die Hose aus“, fährt er fort und deutet auf sich.
Nee, so läuft das nicht: „Ich bin raus.“
„Bist du noch nicht“, widerspricht mir mein Reismilchgegner. „Es geht doch weiter: zog sie wieder an,“ sein Finger springt von sich zu mir und zurück, ich begreife: das ist ein Abzählreim, wie witzig „und du bist dran.“ Er tippt mir an die Schulter.
„Mickimaus hat gewonnen“, jubele ich, schnappe die Milch und halte sie wie eine Trophäe in die Höhe. Er heult wie ein verletzter Wolf, das trifft mich mitten ins Herz. Bevor ich darüber nachdenken kann, sage ich: „Magst du auf einen Kaffee mitkommen?“ Mein neuer Reismilchfreund (er heißt Leon) lächelt ein Ja. Ich freue mich darüber, werde rosa und ein bisschen kribbelig: hoffentlich schmeckt ihm mein Reismilchkaffee. Leon ist davon begeistert: Er erkundigt sich nach Bohnensorte, Mahlgrad und Ziehzeit, ich mag ihn mit jedem Schluck mehr – und will nicht, dass er geht. Zwei Tassen sind noch in der Kanne, ich bin gerade dabei, ihm nachzuschenken, da sagt er: „Nein, danke!“ Mein Herz bleibt stehen, Leon fährt mit einem entschuldigenden Lächeln fort: „Ich muss dringend weniger Kaffee trinken. Eigentlich will ich irgendwann mal ganz damit aufhören. Wegen der Gesundheit.“ Ernsthaft? Das darf doch nicht wahr sein! Da habe ich meinen perfekten Coffee-Match gefunden: attraktiv, witzig und ohne Stinkesocken. Und dann will er dem Kaffee abschwören. Das Schicksal hat einen echt schrägen Humor. Aber da lache ich nur drüber. Ich gieße beide Becher voll und sage: „Egal, dann trinke ich eben deine Tasse mit.“

Veröffentlicht von abfabisch

Autorin

2 Kommentare zu „Espresso für zwei

  1. Lecker und unterhaltsam, dein Reismilchkaffee! Habe mich köstlich amüsiert. Danke. Und auch für die Anregung Reismilch. Habe es bisher nur mit Soja- (bäh) oder Mandelmilch (ok) im Kaffee versucht …

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    1. Wie schön, ich freue mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat. Im Zuge der Recherche 😉 habe ich auch einiges ausprobiert, Reismilch ist tatsächlich nicht schlecht 🙂

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